Auf das Wesentliche konzentrieren

Antalya – Es gibt keinen Kirchturm, keinen Weihrauch, keine brausende Kirchenorgel. Und der Glockenklang kommt vom CD-Spieler. Willkommen in der Diaspora. Willkommen in der christlichen St. Nikolaus Gemeinde in Antalya (Türkei). In einer kleinen Seitenstraße treffen sich die Gläubigen hier jeden Sonntag zum Gottesdienst – und erfahren diese unvergleichliche Kraft und Energie, die vielleicht nur in einer Diaspora-Gemeinde zu erleben ist ...

Das beginnt schon mit dem Handschlag vor dem Gottesdienst. Pfarrer Ludger Paskert begrüßt jeden Besucher persönlich, fragt nach, woher die Gläubigen stammen, wie sie den Weg zu St. Nikolaus gefunden haben. Er hat ein offenes Ohr hat für eine Großmutter, die die Krankengeschichte ihres vor wenigen Tagen geborenen Enkelkindes erzählt. Er hört zu, wenn die Familie aus Rumänien von ihrer beschwerlichen Anreise in den Urlaub erzählt. Er raucht im Innenhof noch schnell eine Zigarette mit den Gemeindemitgliedern, die an diesem Sonntag Kuchen gebacken und Kaffee gekocht haben für den Treff nach der Messe.

Mein beeindruckendstes Erlebnis an diesem Sonntag: Im Urlaub reduzieren wir uns zwangsläufig auf das Wesentliche. Wir haben nur dabei, was in einen Koffer passt – und bekommen so in den Blick, was im Leben wirklich wichtig ist. Genau so habe ich auch den Gottesdienst in Antalya erlebt. Die rauschende Orgel ist schön – aber nicht entscheidend. Ein Kirchturm mit Glocken, die zur Messe rufen, gibt mir ein Gefühl von Heimat, wichtig ist er indes nicht. Gerade der Urlaub kann DIE Gelegenheit sein, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: die persönliche Begegnung in der Gemeinde – und vor allem die persönliche Begegnung mit Gott. Und vielleicht ist es in der Diaspora viel leichter sich auf diese Begegnung zu konzentrieren.
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Christian Voss, 5.9.2014