Abend der Begegnung

Interreligiöses Treffen am 9. Juni 2015 in Belek

Wir erinnern uns: Am Ostermontag besuchte uns der Müfti von Serik, Dr. Abdulkadir Karakus, beim Gottesdienst in der Kirche im Garten der Toleranz. Dieser unerwartete und Besuch war für unsere Gemeinde ein hoch erfreuliches Ereignis, sozusagen ein österliches Erlebnis. Nach dem Gottesdienst schlug der Müfti ein Treffen vor, etwa zu einem Frühstück. Nun dauerte es über ein Jahr, bis seine Idee verwirklicht wurde.

Sonay Yildirim, der Imam der Moschee im Garten der Toleranz, schickte uns eine Einladung des Müftis von Serik zu einem Treffen im Hotel Dionis in Belek. Das Programm sah als erstes die Eöffnungslesung des Koran, der heiligen Schrift des Islam, und eine Lesung aus der heiligen Schrift der Christen vor. Danach sollten Ansprachen des Müfti und des Pfarrers sowie des Gouverneurs von Serik folgen. Danach werde das Abendessen serviert.

Dieser Einladung folgten 24 Personen aus unserer Gemeinde.

Bei unserer – verspäteten – Ankunft staunten wir: Die Tische waren festlich gedeckt, einige muslimische Frauen saßen bereits an „ihrem Tisch“, es waren die Ehefrauen der anwesenden türkischen Gastgeber und Gäste. Der Gouverneur von Serik war anwesend, ebenso der Bürgermeister von Serik, die Chefs von Polizei und Gendarmerie und Angestellte des Müfti-Amtes sowie Imam Sonay und unser Gastgeber Müfti Dr. Karakus.

Die Eingangslesung des Koran wurde vorgesungen. Danach sang Pfarrer Paskert den Prolog aus dem Johannes-Evangelium vor. In seiner Begrüßungsansprache begrüßte Müfti Dr. Karakus die Anwesenden Gäste. Er wies auf den Garten der Toleranz hin, wo sich eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee in einem Park in unmittelbarer Nachbarschaft befinden. Dort werde der Besucher nicht gefragt, ob er Jude, Muslim oder Christ sei. Alle Menschen seien dort willkommen, nicht aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit, sondern aufgrund ihres Mensch-Seins.

Nach der Antwort von Pfarrer Paskert auf die Rede des Müfti folgte eine kurze Grußadresse des Gouverneurs an die Anwesenden. Zur Erinnerung an den Abend der Begegnung überreichte er Pfarrer Paskert eine Erinnerungsplakette.

Danach folgte das festliche Abendessen. Der Abend endete mit dem – nachgeholten – vierten muslimischen Tagesgebet in der nahegelegenen Moschee, wozu Müfti Dr. Karakus einlud.

Der Abend der Begegnung war eine Geste des Willkommens und der Freundschaft,  welche unserer Gemeinde St. Nikolaus entgegengebracht wurde. Alle waren angetan von den gesungenen Versen aus den heiligen Schriften beider Religionen. Die gesprochenen Worte und ausgetauschten Gesten hinterließen einen tiefen Eindruck, aber auch die erfahrene großzügige Gastfreundschaft seitens unserer türkischen Gastgeber. Wir sind dankbar.

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Eröffnungssure des Koran

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen.

Lob sei Gott, dem Herrn der Welten, dem Erbarmer, dem Barmherzigen, der Verfügungsgewalt besitzt über den Tag des Gerichtes! Dir dienen wir, und dich bitten wir um Hilfe. Führe uns den geraden Weg, den Weg derer, die Du begnadet hast, die nicht dem Zorn verfallen und nicht irregehen.


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Anfang des Evangeliums nach Johannes (1,1-18)


Im Anfang war das Wort, /

und das Wort war bei Gott, / und das Wort war Gott.

Im Anfang war es bei Gott.

Alles ist durch das Wort geworden /

und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.

In ihm war das Leben /

und das Leben war das Licht der Menschen.

Und das Licht leuchtet in der Finsternis /

und die Finsternis hat es nicht erfasst.

Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, /

kam in die Welt.

Er war in der Welt /

und die Welt ist durch ihn geworden, / aber die Welt erkannte ihn nicht.

Er kam in sein Eigentum, /

aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.

Allen aber, die ihn aufnahmen, /

gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, / allen, die an seinen Namen glauben,

die nicht aus dem Blut, /

nicht aus dem Willen des Fleisches, / nicht aus dem Willen des Mannes, / sondern aus Gott geboren sind.

Und das Wort ist Fleisch geworden /

und hat unter uns gewohnt / und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, / die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, / voll Gnade und Wahrheit.

Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, /

Gnade über Gnade.

Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus.

Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

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Antwort von Pfarrer Paskert auf die Begrüßungsrede des Müfits von Serik am Abend der interreligiösen Begegnung im Hotel Dionis, Belek, am 09.06.2015


Sehr geehrter Müfti Dr. Abdulkadir Karakus, sehr geehrter Imam Sonay, sehr geehrte Vertreter der Politik, Herr Gouverneur, Herr Bürgermeister, sehr geehrte Damen und Herrn, liebe Freunde.

Zunächst möchte ich meinen Dank aussprechen:

Für Ihren Besuch in der Kirche in Kadrye im Garten der Toleranz am Ostermontag vor einem Jahr, sehr geehrter Herr Dr. Karakus, und für Ihre damals lancierte Idee eines gemeinsamen Treffens.

Dann für Ihre freundliche Einladung an unsere Gemeinde St. Nikolaus, Antalya, zum heutigen Abend der Begegnung hier im Hotel Dionis in Belek.

Es ist für mich als Pfarrer der Gemeinde eine besonders große Freude, dass das heutige Treffen stattfinden kann, zumal ich persönlich, aber auch alle in unserer Gemeinde gern als Gäste in der Türkei leben.

Deshalb danken wir auch dafür, dass unsere christliche Gemeinde als Verein türkischen Rechts die Möglichkeit hat, mit einem Rechtsstatus die Aufgaben der Seelsorge (spiritüel refah) ohne Einschränkung wahrnehmen zu können. Dabei ist es – und hier spreche ich für mich – eine besondere Freude, als Christ in einem Land zu leben, das muslimisch geprägt ist. Wir begegnen hier vielen Menschen, die im muslimischen Glauben verwurzelt sind und darin ihre religiöse Beheimatung und menschliche Identität finden. Für die Muslime und eben für viele Menschen hier in der Türkei ist Gott die Wirklichkeit ihres Lebens. Und das ist für mich als Deutscher erstaunlich und faszinierend; denn in Deutschland spielt der Glaube an den einen Gott eine eher geringfügige Rolle.

Ihr Besuch vor einem Jahr war ein für alle Teilnehmer hoch erfreuliches Ereignis. Und es erfüllt uns mit Freude, sehr geehrter Herr Dr. Karakus, und sehr geehrter Herr Imam Sonay, heute abend als Ihre Gäste hier zu sein und Sie wiederzusehen.

Dieser Abend ist ein großes Geschenk. Er ist wichtig. Denn wir begegnen uns hier als Menschen, die zwei verschiedenen monotheistischen Religionen angehören. Dialog, Toleranz und Respekt sind so wichtig. Gemeinsame Überzeugungen und Anliegen können zur Sprache gebracht werden. Unterschiede werden nicht weggehobelt, sondern respektiert und toleriert.

Gemeinsam ist unseren beiden Religionen, dass der Glaube auf Gott verweist, dass die Gottverwiesenheit ein gemeinsames Merkmal aller Gläubigen ist. Alle stehen unter dem Wort Gottes in der Haltung derer, die zuhören und bereit sind, ihm zu folgen, seiner Liebe und Barmherzigkeit zu vertrauen und daraus das Leben zu gestalten.

Diese Haltung wird uns näherbringen und uns ermöglichen, in der einen Welt unsere Zusammengehörigkeit miteinander und mit allen Menschen zu erfahren.

Wir, Christen und Muslime, dürfen nicht gegeneinander sein. Wir sollen nicht wie Fremde nebeneinander leben. Wir müssen miteinander wirken, denn die Welt wartet auf unseren Beitrag. Wir sollen füreinander dasein, wie gute Nachbarn oder Mitglieder einer Familie. Wir können Freunde werden, im Namen Gottes, des All-Einen.


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Dr. Karakus ließ vom Gouverneur eine Erinnerungsplakette mit folgender Aufschrift überreichen:


Sayın, Ludger Paskert Pfarrer,

Barış, Sevgi ve Kardeşlik

Adına Düzenlediğimiz

Programa Teşrifleriniz

Anısına...

Dr. Abdulkadir Karakuş

Serik Müftüsü



Sehr geehrter Pfarrer Ludger Paskert,
in Erinnerung an Ihre Teilnahme


an dem im Sinne von Frieden, Liebe und Bruderschaft

von uns durchgeführten Treffen...

Dr. Abdulkadir Karakus
Müfti von Serik