Be-denkens-wert vom 05.12.2013

Es war einfach nur widerlich, was ich Ende November bei einem Kurzbesuch in Deutschland zu sehen bekam. Auf Flughäfen, in Bahnhofshallen, Kaufhäusern und anderen öffentlichen Einrichtungen sah ich Christbäume, die mit so vielen Kugeln, Ketten und anderem Krimskrams „geschmückt“ waren, dass man vom grünen Baum nichts mehr sehen konnte.

Einmal mehr bestätigt sich der Zusammenhang: je aufgeblasener das Äußere, desto magerer der Inhalt, denn laut Befragungen weiß das Volk der Dichter und Denker immer weniger, was Weihnachten gefeiert wird. Schöne neue Bildungsrepublik!

In der Empfangshalle eines Flughafens hing von der Decke ein großes Werbeplakat, auf dem eine Tafel Schokolade abgebildet war und mit dem Werbespruch auf die Haselnüsse in der Schokolade aufmerksam gemacht wurde. Der Werbespruch lautete: …das sind unsere innere Werte. Just unter dem Plakat standen schön nach deutscher Gründlichkeit in verschiedenen Farben 4 Abfallbehälter, und ich sah, wie ein alter Mann in den Behältern nach leeren Flaschen suchte, um mit dem Pfandgeld sich etwas zum Essen kaufen zu können.

Für Jedermann sichtbar , wohin eine  Gesellschaft kommt, wenn Haselnüsse die neuen inneren Werte sind. Bei soviel Sinnentleerung war ich   froh, das Flugzeug wieder in Richtung Türkei besteigen zu können, denn dort  mache ich seit 10 Jahren  gänzlich andere Erfahrungen.
 
Christen lassen sich in der Adventszeit - der Vorbereitung auf Weihnachten - leiten von dem höchst zeitgemäßen, biblischen Ruf: seid wach, seid wachsam. Unsere Vorfahren haben mit dem Wort“ wach“ viel mehr verbunden als das Gegenteil von schlafen. Wenn wir schlafen, haben wir kein Bewusstsein, nehmen nichts wahr, können nichts entscheiden, können uns an nichts erinnern. Wach-oder wachsam sein meint umgekehrt: wir sind Person, handeln, erinnern uns, entscheiden, wir nehmen uns als einmalige Person wahr, erkennen unsere Identität. Zu unserer menschlichen  Identität gehört wesentlich das Erkennen, wer wir durch Gott geworden sind, längst ehe wir handeln konnten, damit unser Leben nicht ein sich durchschlagen durch die Zeit wird, sondern ein bewusstes Hingehen auf ein vollendetes Leben in der Ewigkeit.

Bei allem sich wandeln noch Handelnder bleiben kann nur der wache Mensch, der seine Würde in der Menschwerdung Jesu erkennt, und für den dann andere innere Werte zählen, als die Haselnüsse in einer Schokolade. Auf diese „inneren Werte“ einer Schokolade  kann eine Gesellschaft gut verzichten, sie kann aber nicht auf innere Werte verzichten, die uns in der Menschwerdung Jesu geschenkt werden, und an die wir uns gern zu Weihnachten erinnern, um daran für die eigene tägliche  Mensch-werdung Maß zu nehmen.

Ich wünsche Ihnen eine gelingende Adventszeit und ein frohmachendes Weihnachtsfest.

Rainer Korten, Pfr. i.R.
Antalya

Be-denkens-wert vom 23.10.2013

Ein Erlebnisurlaub sollte es werden, von dem viele träumen, je extravaganter, desto besser.
So fanden sich  zwei Freuden zusammen und wollten in einer Extremtour einen Teil der Wüste durchqueren. Und sie hatten trainiert. Aber sie verirrten sich. Tage und Nächte waren sie unterwegs. Wie lange braucht man, um zu verhungern und zu verdursten? Das beschäftigte ihren Kopf beständig.

Sie wussten aus dem Training natürlich, dass man ohne Nahrung länger überleben kann, als ohne etwas zu trinken. Die Sonnenglut hatte sie ausgedörrt, sie bekamen Fieber und im Fieber träumten sie von Wasser, von Orangen und Datteln. Dann erwachten sie zu schlimmer Qual und taumelten weiter. Da plötzlich sahen sie in einiger Entfernung eine Oase. Aha, ein Fata Morgana, eine Luftspiegelung dachten sie, im Trainingscamp gelernt, für das sie viel Geld ausgegeben hatten. Sie hatten gelernt, dass in Wirklichkeit gar nichts ist. Sie näherten sich der Oase, aber sie verschwand nicht, im Gegenteil, sie wurde immer deutlicher. Sie sahen Dattelpalmen, sie hörten aus einer Quelle Wasser sprudeln. Auch das hatten sie im Training gelernt: das sind typische Merkmale einer Hungerphantasie. Wie grausam die Natur nur ist! Mit diesen Gedanken brachen sie zusammen.

Wenig später wurden sie von zwei Beduinen gefunden. „Kannst du das verstehen“ sagte der eine zum anderen „Die Datteln wachsen ihnen fast in den Mund und dicht neben der Quelle sind sie verdurstet. Wie ist das nur möglich?“
Das waren eben zwei moderne Europäer“, antwortete der andere Beduine, „Sie wussten alles, hatten alles trainiert, aber sie haben an nichts geglaubt.“

 Das ist heute eine Crux: überall wird nur noch nach Bildung gerufen, was aber -fast umgekehrt proportional, viele  Menschen offenbar immer weniger ins Bild setzt über das Leben. Wie anders sollte man sich die ständigen Meldungen über die Zunahme von Süchten, von burn out, von zerbrechenden Familien und vielen Formen seelischer und körperlicher Krankheiten erklären. Angeblich sind wir zu einer Wissensgesellschaft unterwegs, die uns aber nicht glücklich  machen wird, wenn uns die Glaubensgemeinschaft fehlt.

Das wussten Christen von Anfang an: sie gründeten die ersten Universitäten und Ausbildungsstätten, aber sie vergaßen nie daneben in Form einer Kirche eine Oase anzulegen, weil sie um die Wüstenwanderungen, die jedes  Leben mit sich bringt, wussten, damit es nicht dazu kommt: „verstehst du das, dicht neben einer Quelle sind sie verdurstet.

Alles deutet darauf hin: Europa wird neu lernen müssen, dass aller Wohlstand, und wenn man sich noch so abschottet, nicht vor dem eigenen verdursten und verhungern schützt.

Rainer Korten Pfarrer i.R.
in Antalya 

Be-denkens-wert vom 22.08.2013

Nehmen Sie einmal an, Sie begegnen heute einem Riesen, was werden Sie tun? Ich meine natürlich keinen Riesen, wie er in Märchen und Sagen vorkommt. Ich meine auch keinen Menschen, der Sie um Haupteslänge überragt, ich meine einen Menschen, der sich grosstut, den starken „Mann“ markiert und gern auf andere herabsieht.

Solche „Riesen“ finden sich überall im Alltag, in der Berufswelt ebenso wie im Bekanntenkreis. Nicht wenige verwechseln heute solch ein Aufgeblasensein mit Selbstbewußtsein. Was soll man tun,  wenn man auf solch einen „Riesen“ trifft? Sich ducken, in Ehrfurcht erstarren, verlegen werden, sich aufregen? Es gibt wohl keine allgemein gültige Gebrauchsanweisung für den Umgang mit solchen unangenehmen „Riesen“. Beim Dichter Novalis fand ich jedoch einen brauchbaren Tipp „Wenn man einen Riesen sieht, so untersuche man den Stand der Sonne und achte darauf, ob es nicht nur der Schatten eines Zwerges ist“. Das ist ein guter Tipp.

Mancher, der grosstut, sich überall hervortun will, ist oft nur ein Schattenriese. Die Sonne scheint im Augenblick günstig für ihn zu stehen, mehr nicht. Er selbst ist nicht größer als wir, oftmals sogar nur ein kleiner Zwerg. Aber die Sonne der öffentlichen Meinung, des Kontostandes, des Titels, des großen Mundwerkes wirft einen riesigen Schatten, von dem sich mancher einschüchtern lässt. Wer nicht genau hinsieht, hält diesen Schatten für das wahre Bild, und was besonders tragisch ist, auch der Schattenwerfer sieht das als Realität an und benimmt sich dementsprechend.

Ich habe in meiner Arbeit schon so manchen „Riesen“ erlebt, der bei einer Krankheit oder einem anderen Zwischenfall im Leben erbärmlich abstürzte. Wer wirklich groß ist, bleibt mit den anderen auf Augenhöhe. Wer groß ist und um seine echte Größe weiß, braucht keinen Sockel, er muss nur wissen, wo die Quelle für Größe ist.

Die Welt wimmelt von Schattenriesen, wir brauchen sie nicht zu fürchten, es gibt keine Übermenschen, auch wenn manche davon immer wieder träumen und sich so benehmen. Der Einzige, der uns wirklich überragt, und zwar durch seine grenzenlose Liebe, ist Gott. Von ihm können wir die Größe lernen, die nicht niederdrückt, sondern aufrichtet, die nicht demütigt, sondern ermuntert. Der Glaube an Gott befreit von der Angst vor Schattenriesen, weil er um die eigene Größe als Kind Gottes weiß.

Wenn Sie also einem „Riesen“ begegnen, dann untersuchen Sie den Stand der Sonne und achten Sie darauf, dass es nicht der Schatten eines Zwerges ist.


Rainer Korten
Pfr  i.R., Antalya

Be-denkens-wert vom 25.06.2013

Es fehlt fast etwas: gab es schon einige Monate keinen Lebensmittelskandal mehr; überhaupt sind diese Wochen arm an angeblichen Skandalen, wo die Medien sie doch so gern wieder und wieder aufwärmen und die Programmstunden füllen. Gibt es wirklich keine oder ist unser Skandalbegriff durch die Menge schon so eindimensional geworden?
 
Hodscha Nasreddin, Protagonist humoristischer Geschichten im türkisch-islamischen Raum, wurde verhaftet und unter der Beschuldigung vor Gericht gestellt, er hätte in seinem Restaurant Pferdefleisch unter die panierten Hühnerschnitzel gemengt. Ehe der Richter sein Urteil sprach, wollte er wissen, in welchem Verhältnis er Pferde- und Hühnerfleisch  vermischt habe. Unter Eid bekannte Nasreddin:“ 50: 50, Euer Ehren!“ Nach der Verhandlung fragte ihn ein Freund, was genau 50:50 bedeutet. Sagte Nasreddin:“ Ein Pferd auf ein Huhn.“
 
Wahrheit in Prozenten, so biegen wir uns unsere Wahrheiten hin, wie sie am besten ankommen, am wenigsten mit dem Zeitgeist kollidieren, wie sie am wenigsten im Heute stören, nach uns die Sintflut. Die Frage nach dem Gehalt, dem Wert von Wahrheiten wird kaum noch gestellt .Langfristige negative Folgen, gesellschaftlichen Fehlentwicklungen kommen   gar nicht mehr ins Blickfeld, wenn man sich seine Wahrheiten nach Prozenten selber macht. 

Dieser Weg, der immer holpriger und enger wird, ist so ziemlich in allen Gesellschaftsfeldern zu erkennen, besonders wenn es um die Wahrheiten über den Menschen selbst geht. Da wird immer mehr alles in einen Topf geworfen, da sind alle angeblich gleich, da entstehen dann zwangsläufig gesellschaftliche  Schwachsinnigkeiten, die die Zukunft trübe machen. Um seine  Wahrheiten in Prozenten zu verteidigen, muss man dann nur das das Attribut „modern“ anfügen und jedes tiefere Nachdenken ist dahin. Gestrig sind all jene, die versuchen, den  Kern von Wahrheit zu entdecken, weil sie nicht von der Last geplagt sind, die Welt neu erfinden zu müssen. Zeitunabhängige  Wahrheiten richten sich nicht  nach uns, sondern wir werden uns schon nach ihnen richten müssen, wollen wir keinen Schaden nehmen.
 
In einem  kränkelnden  Umfeld schätze ich meinen christlichen Glauben immer mehr, der unabhängig von Trends und Moden mich lehrt, was ich tun und lassen muss, um mit mir selbst, mit anderen und mit Gott in Frieden und damit erst wirklich zu-frieden leben zu können.
 
Rainer Korten Pfr. i.R. Antalya

Be-denkens-wert vom 16.05.2013

Von einem Professor der Harvard- Universität wird berichtet, dass der kluge Mann auf seinem Schreibtisch das Bild einer Schildkröte stehen hatte mit dem Text: nimm dir ein Beispiel  an der Schildkröte; sie kommt nur voran, wenn sie ihren Kopf unter ihrem Panzer hervorstreckt.
 
Ich könnte mir gut vorstellen, dass vor 2000 Jahren der Apostel Paulus ein ähnliches Bild vor Augen hatte, als er aufbrach, voll des Geistes, um in der heutigen Türkei, in Antiochien am Orontes und  in Antiochien in Pisidien, in Ephesus und Kappadozien, in Perge und Tarsus – alles Orte, die wir als St. Nikolaus-Gemeinde Antalya/Alanya schon besucht haben - Jesus Christus zu verkündigen. Er tat es ohne Scheu, kraftvoll, lebensbezogen, klar und ein-deutig. So konnte nur ein Mensch reden, der aus dem Geist Jesu redete.

Wie so ganz anders heute; da wird endlos und mengenmäßig unbegrenzt geredet in Sitzungen und Versammlungen, in Foren und Talkrunden, und das Ergebnis sind  Angst, Unsicherheit, Offenheit nach allen Seiten, Mutlosigkeit und innere Emigration, Verharren unter dem Panzer.

Die Tragik ist: das Pfingstfest führt immer mehr ein Schattendasein, wo in Wirklichkeit Kirche und Gesellschaft die Gaben von Pfingsten bräuchten, die da sind: der Geist der Weisheit und der Einsicht, des Rates, der Erkenntnis und der Stärke, der Geist der Frömmigkeit und der Gottesfurcht.

Jede einzelne dieser Gaben sind für einen lebendigen Organismus von Kirche und Gesellschaft überlebensnotwendig. Wo sie fehlen, werden Regierungen schnell rat-los, Schulden zahl-los, Sitzungen ergebnis-los, Lügen grenzen-los, Einzelne charakter-los, Sitten zügel-los, Kirchen kraft-los, Gesamtaussichten trost-los.
 
Das alte Gebet zu Pfingsten: sende aus deinen Geist, damit das Angesicht der Erde neu wird, ist denen ein Herzensanliegen, die in diesen Tagen Pfingsten 2013 feiern und die beginnen, ihren Kopf aus dem Panzer herauszustrecken, um persönlich und als Gemeinschaft vorwärts zu kommen.
 
Rainer Korten Pfr. i.R
Antalya