Be-denkens-wert vom 22.12.2011

Das ausklingende Jahr veranlasst viele Politiker und andere öffentliche Persönlichkeiten mehr oder weniger staatstragende und gesellschaftsrelevante Äußerungen zu machen. So äußerste der Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban ki Moon in diesen Tagen, daß das Jahr 2011 mit seinen vielen Krisen  eine historische Zeitenwende eingeleitet habe. Wenn das stimmen würde, wäre die Geschichte der Menschheit nichts anderes als ein Stolpern von Zeitenwende zu Zeitenwende. Welche Eintagsfliegen hat  man uns schon als Zeitenwende verkaufen  wollen !

Bis heute hat niemand gewagt, die einmalige Zeitenwende, die durch das Kommen Gottes in Jesus Christus auf unsere Welt eingetreten  ist, infrage zu stellen. Im Gegenteil: alle Welt zählt die Zeit nach diesem Ereignis, stattgefunden am Rand der Welt in einem Stall. Und doch datiert jede Bewegung  heute nach dem Ereignis von damals.   Offenbar hat sich die Menschheit die Sehnsucht bewahrt, dass wirkliche Zeitenwenden schon mehr sein müssen,  als Krisenzeiten oder Zeiten technischen Fortschritts.

Denn eine wirklich Wende in der Zeit der Menschheit ist eingetreten, dass jemand kam, der uns verlässliche  Kunde von Gott brachte, damit die Menschheit nicht mehr dem „unbekannten Gott“ Altäre bauen musste, damit das Stochern im Nebel aufhören konnte, woher wir Menschen kommen und wohin wir gehen, damit die Liebe als gestaltende Macht  eine neue Quelle findet, damit der Mensch den beiden in der Geschichte immer wiederkehrenden Grundgefährdungen begegnen zu kann, entweder vor Arroganz und Realitätsverlust überzuschnappen oder durch das Gefühl von Sinnlosigkeit und der Erfahrung von Ohnmacht dahinzusiechen.

Die Menschheit hat schon richtig erkannt, was wirklich eine Zeitenwende eingeleitet hat und danach ihre Zeit bemisst. Es lohnt sich, das kommende Weihnachtsfest nicht zu vergeuden mit äußerem  Stress- „Stress-Test“ ist interessanterweise das Wort des Jahres geworden- damit unser ganzes Leben nicht zu einem innerseelische  Stress wird, weil es leer, hoffnungslos und ängstlich dahin schleicht. Kernaussagen der Weihnachtsbotschaft sind: „… siehe ich verkünde euch eine große Freude….“, und“….fürchtet euch nicht“.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya 

Be-denkens-wert vom 01.12.2011

Ich war in der vergangenen Woche  froh, nach 4 Tagen Deutschland wieder im Flugzeug nach Antalya zu sitzen. Denn noch vor dem 1. Advent erlebte ich in allen besuchten Städten ein Bombardement von Weihnachtsmusik, maßloser künstlicher Beleuchtung, lauten Weihnachtmärkten und einer wenig bis gar nicht vorhandenen besinnlichen oder  anheimelnden Stimmung. Be-sinn-lich ist  nichts mehr, weil der Sinn  längst dem Geschäft weichen musste. Und dabei hat die Adventszeit einen tiefen Sinn; den neu zu erleben, würde die Gesellschaft in vielen Bereichen gesünder machen. Denn dann würde das Dauergerede von Krise und  Oberkrise etwas leiser werden, da Menschen wieder auf ein realistisches Lebensfundament zurückfinden, indem sie nicht ständig unter Ängsten den kleinen Hoffnungen des Alltages hinterherlaufen müssen und immer wieder enttäuscht werden, sondern ihr Lebenshaus auf eine feste Grundhoffnung bauen können.

Von dieser Grundhoffnung sprechen in der Adventszeit die biblischen Texte und  künden die Adventslieder. Denn diese Grundhoffnung kann  nie durch Etwas erfüllt werden -das ist unausrottbarer  Aberglaube- sondern nur durch Jemanden. Den kleinen Hoffnungen ständig hinterher zuhetzen , ohne die eine große Hoffnung zu kennen, macht müde und seelisch kaputt.

Die große Hoffnung ist seit Weihnachten bekannt. Gott selbst kam zu uns, damit wir in unserer Hoffnung auf  Leben einmal zu ihm kommen können. Menschen sagen: die Hoffnung stirbt zuletzt. Das ist falsch: für den Christen stirbt die Hoffnung nie. Dieser Grundhoffnung Nahrung zu geben, ist die Adventszeit die klassische, altbewährte Zeit.


Rainer Korten
Pfarrer in Antalya

Predigt von Pfarrer Rainer Korten anlässlich seines 70. Geburtstages in Belek

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Es war vor ca. 5 Monaten, da hatte mich ein türkischer Fernsehsender zu einem 20.min. Life-Interview eingeladen, nicht weit von hier auf die Terrasse eines  noblen Hotels. 20 Minuten Life-Interview! Ich wurde zu meiner Biografie befragt, ich wurde gefragt nach meiner Sicht der Dinge in der Welt, nach dem Verhältnis von Christentum und Islam u.a. ,und natürlich durfte die Frage nicht fehlen, warum ich Priester geworden bin.. Das hörte sich streckenweise gewaltig und philosophisch, vielleicht auch etwas abgehoben an. Was die Dolmetscherin daraus gemacht hat,  weiß ich Gottlob  nicht. Nach dem Gespräch kam ein kurzes Musikstück, und dann war der 2. Interview-Partner, auch 20 Minuten, an der Reihe. Es war ein Professor aus Ankara, der über die Vorzüge von Botox befragt wurde. Ich brauche nicht zu erklären, was Botox ist, nur soviel: das ist die Verheißung schlechthin, wenn die ersten Falten sichtbar werden .….

Auf der Heimfahrt hier von Belek kam ich ins Grübeln: Pfarrer und Botox-Spezialist- Abbild für 2 Welten? Waren die letzten 70 Jahre meines Lebens etwas wesentlich  anderes als ein Suchen und Unterscheiden, und Ringen zwischen Sein und Schein? Unterschiedlich in den verschiedenen Lebensphasen, aber im Grunde ist Leben doch immer ein Wettbewerb zwischen Schein und Sein, wobei in unseren Tagen der Schein bei vielen Zeitgenossen wohl den Sieg davon tragen mag. Botox als Sammelbegriff für den Schein verkauft sich in der modernen Welt gut, ja der moderne Mensch scheint sich in dieser Welt  des Scheins wohlzufühlen. Allerdings, auch das ist wieder nur ein Schein, wie zahlreiche gesellschaftliche unübersehbare  Krankheitsbilder dokumentieren. Ich habe den Glauben stets  als sehr hilfreiches Korrektiv erlebt. Da gibt es oft keine Fluchtwege in den Schein, das gibt es nur  mit „ganzen Herzen lieben, mit allen Kräften“, da gibt es nicht ein  hinterherlaufen nach  den  vergoldeten Lügen, das gibt es nur nackte Wahrheiten, das gibt es eine von vielen vermeintlichen  Paradoxien, dass der Mensch in der Tiefe an Höhe gewinnt, da gibt es das Paradox, dass in der Bindung an Gott  die größtmögliche Freiheit zu finden ist. Ich kann mit 70 Jahren ehrlich bezeugen: das alles  ist wahr, ist Realität. Ich kann aus Erfahrung auch bezeugen, dass die Kirche, der ich über 40 Jahre diene , nicht gegen den Schein geschützt ist, aber ich habe sie geschätzt, weil sie mir nicht als Wellness-Tempel begegnet ist, sondern weil in jedem ihrer Häuser ein Kreuz hängt, das mir immer wieder zu dem frohen Realismus verholfen hat : im Kreuz ist Heil, erst recht ,wenn ich bei Menschen war, wo der Arzt sagte: keine Heilung mehr möglich. Im Kreuz ist Heil.

Und auch in meiner letzten Lebensphase, die ziemlich genau vor 8 Jahren mit meinem Kommen in die Türkei begonnen hat, werde ich reich mit Realismus beschenkt. Hier begegne ich auf Schritt und Tritt einem Zeugen des Glaubens, dessen Weg vom Schein zum Sein geradezu exemplarisch ist: vom Saulus zum Paulus. Seine Lebenswende war die Erkenntnis: was ich bin, bin ich durch Gott geworden( 1Kor.15,10ff)  Nicht der heute so hochgejubelte Beruf ist sein Lebensfundament, sondern das Wissen um seine Be-rufung. Beruf ist heute vielfach verkommen zum Aufbau von Schein, aber oftmals nicht mehr Dienst an den Anderen, d.h. als Er-füllung eines wesentlichen Teiles des Seins. Paulus ist ganz geprägt von der Gewissheit des Handeln Gottes an ihm, ohne eigene Verdienste, was ihn nicht etwa unterwürfig, devot macht, sondern im Gegenteil zu einem souveränen Menschen mit ausgeprägtem Selbstvertrauen. Vor den Großen der Welt hat er sich immer auf das Paradox- ich sage auf die reale Wahrheit berufen, dass Gottes Stärke in der Schwäche zum Vorschein kommt. Der beste Beruf kann niemals die innere Sicherheit durch das Erkennen seiner Be-rufung ersetzen. Es ist unverdientes Geschenk, das mich bewahrt hat, in Scheinwelten zu flüchten. Das sage ich dankbar  frank und frei mit  70, wo ich von so viel Lebenssynthetik, Lebenspappkulissen und potjomkinschen Dörfern umgeben bin.

Und eine letzte Wahrheit wage ich frei zu bezeugen. Da wir hier unweit des Strandes sind, und selbst auf die Gefahr hin, dass die allermeisten jene tiefgründige Geschichte kennen, man kann sie immer wieder hören: Ein 70-Jähriger sah eines Nachts im Traum, wie er am Strand dahinging. Im braunen Sand sah er seine Fußspuren. Und plötzlich sah er neben der eigenen noch eine zweite Spur und fragte Gott:“ Wessen Spur ist die zweite?“ Gott antwortete ihm: „Du weißt, ich habe dir in der Taufe zugesagt, immer an deiner Seite zu gehen“. Dann durchwanderte der 70-Jährige Jahre seines Lebens, wo es ihm sehr schlecht ging, eine tiefe Enttäuschung, eine lebensgefährliche Krankheit u.a.. Und er sagt zu Gott: „Wo warst du, als ich dich dringend gebraucht hätte- da ist nur eine Spur?“ Gott antwortet ihm:“ Mein  Lieber, du täuscht dich, das waren genau die Zeiten, wo ich dich tragen musste.“ Auch diese Erfahrung habe ich in 70 Jahren machen dürfen, sie ist wahr.

Be-denkens-wert vom 10.10.2011

Vor einigen Tagen starb in Kalifornien ein Mann namens Steve Jobs. Auf allen Fernsehkanälen gab es Nachrufe; er wurde ein großer Visionär genannt, und da er  zu den Erfindern des sog. iPods gehörte, verstiegen sich Amerikaner dazu, ihn i-God zu nennen. Welche Hybris! Und jetzt ist der menschliche „i Gott“ mit 56 Jahren an Krebs gestorben, wo wie jeder von uns  früher oder später sterben wird.

Die Bibel sagt- und weiß das aus langer Erfahrung mit dem Menschen: wer nicht an den Tod denkt, kann auch nicht weise werden. Obwohl der Mensch heute immer wieder seine Ohnmacht- ohne Macht- bescheinigt bekommt, hier ein Tsunami, der alles mitnimmt, was Menschen sich aufgebaut haben, dort ein explodierendes Atomkraftwerk, das ganze Teile eines Landes für lange Zeit unbewohnbar macht, hier ein Bombenattentat, dort ein Flugzeugabsturz, obwohl wir im Unterbewusstsein allemal wissen, wie nahe der Tod sein kann, hat das viele Menschen nicht etwa weise gemacht, sondern im Gegenteil: sie haben eine grandiose Palette von Verdrängungen entwickelt. Wir drehen uns immer schneller im Alltag mit iPod und anderem „Spielzeug“ und müssen dann lesen, dass das Leben nicht etwa gehaltvoller geworden ist, sondern dass der angeblich moderne Mensch immer häufiger Tabletten zur Bewältigung seines Alltags braucht oder wie im Augenblick Magazine berichten, die Zahl der Menschen mit einem Burnout- einem inneren Ausgebranntsein rapide steigt.

Christen  sehen eine Alternative zu dieser angeblich modernen Lebensweise. Sie wissen, dass Leben nicht die Summe der Stunden und Jahre ist, sondern dass Leben vor allem Qualität und nicht nur Quantität werden kann. Die Qualität des Lebens  verdanken sie Gott, keinem iPod-Gott, sondern Gott. Dieses Streben nach Lebensqualität lässt das Leben gelassener werden, wehrt der Versuchung, sich gegen alles ver-sichern zu wollen, macht die Jagd, alles haben zu müssen, überflüssig.

Dort, wo die Flamme der Liebe zu  Gott im Inneren des Menschen wohnt, dort brennt der Mensch nicht aus. Burnout ist die Folge, wenn der Mensch die in uns angelegte Suche nach der Qualität des Lebens opfert zugunsten der äußeren Quantität und sich dann noch für modern hält.


Rainer Korten
Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 06.09.2011

In der vergangenen Woche endete der Fastenmonat Ramadan, an dessen Ende steht das große Zuckerfest, an dem wiederum läuft die türkische Gemeinschafts-und Familienkultur zur Hochform auf. Die Straßen sind voll von Menschen, oftmals in Gruppen und Familienverbänden, die öffentlichen Verkehrsbetriebe transportierten 3 Tage und 3 Nächte ihre Gäste kostenfrei: zum unbedingten Muss dieser Feiertage gehört der Gang zum Friedhof, um die Familienverstorbenen zu ehren. Ich war zufällig dort, um einen Deutschen zu bestatten. Auf dem Friedhof war kein Durchkommen, Tausende von Menschen aller Generationen, meistens mit einem kleinen Blümchen in der Hand. Und ich stand da am Grab- –allein, keine Verwandten oder Bekannte. Die vorbeiziehenden Türken waren fassungslos- ich konnte es ihren Gesichtern ansehen, ich war nicht fassungslos, denn in der Theorie weiß ich schon lange, wie marode und inhaltsleer  Familien- und Gemeinschaftsstrukturen in Deutschland inzwischen sind, die Praxis folgt unausweichlich. Der gepflegte Aberglaube, jeder soll nach seiner Facon selig werden, höhlt jedes Gemeinschaftsdenken aus.

Diese konträre Erfahrung in zwei Kulturen lässt mich noch andere Verbindungen erkennen. Gemeinschafts-und Familienfeste waren von altersher immer mit religiösen Inhalten  verbunden. Kein Wunder, denn wenn Gemeinschaft entstehen soll, braucht es eine verbindende Mitte, die unterschiedliche Menschen zusammenführt, die aber nicht künstlich von Menschen gezimmert werden kann in Form eines Events, sondern die ihm gegeben ist, und an der er sich nur in Gemeinschaft freuen kann.  Der Ausfall der Religion nimmt den Bedürfnis nach Gemeinschaft das Fundament.

So verstehe ich jenen Satz Jesu: wenn 2 oder 3 in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Ich weiß es zwar nicht, bin mir aber dennoch sicher, dass es eine ähnliche Sicht im Koran gibt, denn ich wüsste sonst gar nicht, wo die Quelle liegen sollte, dass die türkische Kultur zu dem hohen Maß von Gemeinschafts- und Familienkultur fähig ist, die  man hier so beglückend erleben kann. Das ist Reichtum für die Zukunft.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya