Be-denkens-wert vom 19.12.2010

Zunächst hat es mich  amüsiert, dann bin ich  erschrocken, als ich folgendes las: das größte Kreuzfahrtschiff allure-of-the-seas -1„Allure of the Seas“  hat an Bord so ein gigantisches Unterhaltungsprogramm, das es den Passagieren egal sein kann, wohin die Reise geht. Vielleicht liegen deshalb Kreuzfahrten auch so im Trend.

 

Amüsiert, denn was ist eine Kreuzfahrt ohne Ziel, schöne Landausflüge  eingeschlossen, erschrocken, weil ich mir sagen musste, dass ganze Strecken  heutigen Lebens einem gigantischen Unterhaltungsprogramm gleichen, wobei   immer weniger Menschen noch das Ziel ihrer Reise kennen. Das trifft auch auf   Weihnachten zu. Jedes Jahr wieder kann man nur staunen über den kulturellen    Verfall, der in Umfragen zum Vorschein kommt, wenn nach dem Inhalt von  Weihnachten gefragt wird. Offensichtlich ist das  „Unterhaltungsprogramm“ im Alltag auch schon so gigantisch geworden, dass viele Menschen gar nicht mehr das Bedürfnis haben, nach dem Ziel ihrer Lebensreise zu fragen.

Die sich von ihrer Lebensreise mehr erhoffen als nur ein gigantisches Unterhaltungsprogramm werden gern und  fröhlich  in wenigen Tagen das  „o, du fröhliche singen….“, denn in der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist das Ziel menschlicher Lebensreise einmal mehr klar geworden. Einfach gesagt: er kam zu uns, damit wir einmal zu ihm kommen können. Sein Kommen hat Schluss gemacht mit dem immer wiederkehrenden Verdacht, als seien wir Menschen ein materielles Massenprodukt, manipulierbar, austauschbar und ausbeutbar und damit auch eine Fehlkonstruktion, die sich im Tod letztmalig aufbäumt. Sein Kommen hat unsere Ebenbildlichkeit erneuert und unser Leben in eine Richtung gelenkt, die auf ein Ziel zusteuert, damit wir nicht von einem lächerlichen Unterhaltungsprogramm leben müssen das auf Dauer sehr leer und unbefriedigt zurück lässt, sondern von der Vorfreude auf ein Ziel, das wir Himmel nennen.

Wie immer das aussehen  mag, eines ist sicher: es ist ein Land, wo wir viel entdecken werden, ganz besonders uns selbst entdecken werden, wer wir sind und wozu uns Gott berufen hat.

Weihnachtliche Freude, nicht oberflächlichen Spaß, wünsche ich allen Lesern und Leserinnen, besonders auch denen, die uns im letzten Jahr als Einzelne oder als Gruppen in St. Nikolaus Antalya besucht haben.

Prälat Rainer Korten
Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 26.11.2010

Für den Vortrag des Meisters über die „Zerstörung der Welt“ wurde viel Voraus-Reklame gemacht, und eine große Menschenmenge versammelte sich auf dem Gelände des Klosters, um ihm zuzuhören. Die Ansprache war in weniger als einer Minute beendet. Er sagte nur: „Folgendes wird die menschliche Rasse vernichten":

Politik ohne Prinzipien,
Fortschritt ohne Mitleid,
Reichtum ohne Arbeit,
Lernen ohne Stille,
Religion, wenn sie nicht furchtlos ist
Verehrung ohne Bewusstsein.“

Wenn diese Beobachtungen  stimmen, sind wir geradewegs auf der Straße der Selbstzerstörung. Dass vieles daran stimmt, wissen manche „Meister“, und ahnen viele normale Bürger. Ihr Unwohlgefühl nimmt zu, ihr Protest artikuliert sich immer lauter und immer öfter. Waren es vor 30 Jahre nur vereinzelt dem Leben gegenüber Misstrauische, die sagten, in solch eine Welt könne man doch keine Kinder setzen, hat sich der Kampf gegen das Kind inzwischen so verfestigt, dass gerade in diesen Tagen die Agenturen  mit der Meldung kamen, dass in Deutschland im Jahr 2009 so wenig Kinder geboren wurden wie nie zuvor und nirgendwo anders in Europa.

Die Christenheit bereitet sich in den 4 Wochen des Advents vor auf die Geburt eines Kindes, das sich erwiesen hat als Quelle alles Sinnes, als die Hoffnung auf Zukunft, als Leben im Tod. Durch all die Jahrhunderte haben unzählig viele Menschen Kraft geschöpft, dem Leben zu trauen, weil in diesem Kind Gott selbst Mensch wurde.

Hat die europäische Christenheit die Kraft verloren, furchtlos diese Wahrheit zu verkünden, und so ihren erheblichen Anteil an dem Misstrauen gegenüber dem Leben, was sich inzwischen  in Zahlen ausdrückt, nachdem bereits lange zuvor die Seelen erkrankt waren?  Mich macht es nachdenklich und froh zugleich, wenn ich die vielen Kinder und Jugendlichen in der Türkei erlebe. Ich weiß, es ist fast  wirklichkeitsfremd, Menschen einzuladen, die Adventszeit als „stille Zeit“ zu nutzen, aber jener Meister hat Recht: Lernen ohne Stille gibt es  nicht. Wenn wir wirklich lernen wollen, damit wir Zukunft haben, werden wir dem sinnlosen, vorweihnachtlichen Klamauk abschwören müssen, denn auch da hat der Meister Recht:  wenn wir  den wirklich  verehren wollen, der der Menschheit durch seine Menschwerdung Zukunft eröffnet hat,  geht es nicht ohne neues Bewusstsein.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 04.11.2010

An Warnungen hat es der Menschheit nie gefehlt. Waren es im Alten Testament die Propheten, die die Herrschenden, aber auch das Volk, immer wieder gewarnt haben, die Kleinen nicht auszubeuten und zu unterdrücken; die Ergebnisse waren oft mager. Waren es im Mittelalter die Boten, die schlechte Nachrichten überbrachten - man hat sie geköpft und meinte, damit die schlechten Nachrichten erledigt zu haben. Sind es in unseren Tagen die vielen Warnungen, die täglich in Gutachten, Studien, Umfragen, Konferenzen und ähnlichen Instrumenten in die Welt gestreut werden, warum bewirken sie nichts? Wir haben kein Informationsdefizit, im Gegenteil wir sind so gut informiert wie keine Generation vor uns, wir haben ein Glaubensdefizit. Sie lesen richtig!   Wo eine Welt, eine Zukunft ohne Gott gebaut werden soll, wo Menschen aufhören, vom Ziel her zu denken, solange wird die Wirkung von Warnungen gleich null bleiben.
 
In diesem Sinn  berichtet die Bibel von jenem Zwiegespräch des Lazarus mit dem Abraham, wo dieser sagt, dass man selbst dann nicht hören würde, wenn Tote aus dem Totenreich zurückkämen. Wenn Menschen unfähig sind, vom Ziel  her zu denken, mutieren sie zu kurzfristigen Krisenmanagern, die die Spitzen von Krisen im günstigsten Fall etwas abmildern, aber deren Ursachen nie beheben. Keine Perspektiven aus dem Glauben zu kennen, bedeutet auch keine letzten Verantwortlichkeiten zu kennen, denn wer wirklich Verantwortung trägt, muss wissen, wem er mit seinem Tun oder Nichttun antwortet. Wenn man den nicht mehr kennen will, bleibt als Überlebensstrategie nur das Wursteln und kurzfristige Krisenmanagement übrig.
 
Diese  Erkenntnis ist beileibe nicht neu, sowohl biblische Texte des Alten wie des Neuen Bundes sind voll von Geschichten, die auf diesen Zusammenhang hinweisen. Leider beschäftigen wir uns in der Kirche zu oft mit  vier- und fünftrangigen Themen, anstatt die Schätze der Hl. Schriften zu heben, die helfen, vom Ziel her erkennbare Zusammenhänge wahr-zunehmen, die das Wursteln und das Dauerkrisenmanagement beenden. Dann werden wir Menschen auch wieder das gute Gefühl haben, selbst das Ruder in der Hand zu haben, anstatt orientierungslos auf hoher See zu treiben.

Msgr.Rainer Korten  
Kath. Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 20.09.2010

In den letzen Wochen wurde in Zusammenhang mit dem Sarrazin-Buch oft von Meinungsdiktatur gesprochen, auch political correctness. Gesagt werden darf nur, was opportun ist, Querdenker werden erbarmungslos ausgesperrt. Die kath. Kirche hat damit Erfahrung.

Seit 30 Jahren gehört es zum verschwiegenen Standart, dass sich die Gesellschaft jährlich 150 000 und mehr tote Kinder durch Abtreibung leistet, während eine Studie nach der anderen erscheint, die in eindrücklichsten Szenarien die Folgen einer katastrophaler Kinderarmut schildert, und man fragt sich, wie innerlich abgewirtschaftet eine Gesellschaft ist, der als Therapie nichts anderes einfällt, als den Kindermangel durch Fachkräfteanwerbung im Ausland zu beheben. Nur zur Information: in Deutschland sind 12,9 % der Bevölkerung unter 15 Jahren, in der Türkei sind es 26,2 %. Diese gesunde Balance von Jung und Alt in der Türkei macht uns Deutschen das Leben hier so angenehm. Wo Jugend ist, ist auch Zukunftswille, wo Jugend fehlt verdaut sich jede Gesellschaft langsam selbst. Aber darüber darf man nicht reden, so wenig wie man 30 Jahre nicht über Integration von Ausländern reden durfte. Jetzt kommt zum Vorschein, dass die normalen Bürger ein viel sensibleres Gespür für langfristige negative Entwicklungen haben, als das öffentliche Meinungskartell einhämmert.

Der Bielefelder Soziologe Heitmeyer schreibt: „ Es frisst sich eine Angst in die deutsche Gesellschaft“. Die Angst gilt als eine der größten Epidemien. Auch da wird das alte Menschheitswissen verschwiegen: Wo Gott aus der Tür getrieben wird, ziehen die Ängste durch die Fenster wieder ein. Alles hängt mit allem zusammen- eine verschwiegene Wahrheit, die dem modernen Aberglauben im Wege steht, als könne man heute ins Blaue wirtschaften ohne Folgen bedenken zu müssen. Diesen Zusammenhang beschreibt eine biblische Geschichte sehr eindrucksvoll. Ein Vater hatte 2 Söhne, der eine wollte von allem frei sein, verlangte das Erbe und zog los. Nach kurzer Zeit hatte er alles durchgebracht, war pleite, äußerlich wie innerlich, die Bibel sagt: er musste die Schweine hüten, wir würden heute sagen: er war auf den Hund gekommen. Dieses ganz unten-sein, wandelte ihn, und es heißt: er sagte sich: ich will auf-brechen und zu meinem Vater zurückkehren…. Äußerlich auf-brechen konnte er nur, weil in ihm zuerst innerlich etwas aufgebrochen war , nämlich die Einsicht, sich verrannt zu haben. Das wäre heute z. B. eine wichtigere Frage für talk-Runden, anstatt 14 Tage auf allen Kanälen mit Sarrazin bedudelt zu werden, wobei ständig dieselben Fronten in denselben Leuten sich gegenüberstehen.

Wenn der Befund stimmt - und die Mehrzahl der Bürger empfindet es so - , dass die Angst zu den größten Epidemien gehört und offensichtlich Menschen den Mut verlieren, die Welt zu gestalten und zu verändern, dann warte ich auf die erste talk-Runde von ganz normalen Bürgern und nicht angeblichen Experten zu dem Thema: Wie lässt sich Angst in Aufbruchstimmung verwandelt? Dann müsste man sich endgültig von der Oberfläche verabschieden und wieder etwas tiefer in die Seelen der Menschen steigen.

Rainer Korten, Pfarrer in Antalya

Be-denkens-wert vom 01.09.2010

Es war einmal ein Gasthaus, das hieß Silberstern. Der Gastwirt kam auf keinen grünen Zweig, so sehr er sich auch bemühte. So versuchte er sich Hilfe zu holen bei einem Weisen. Als dieser die jammervolle Geschichte des Gastwirts gehört hatte, sagte er:“ Das Problem ist einfach zu lösen. Du musst den Namen deines Gasthofes  ändern.“ „Unmöglich“, sagte der Gastwirt, seit Generationen heißt er Silberstern. „Nein“, sagte der Weise, „Du musst ihn nun ´Die fünf Glocken´ nennen und über den Eingang sechs Glocken aufhängen.“ „Sechs Glocken? Das ist absurd, was soll das bewirken?“ „Versuch es doch einmal und sieh selbst“, sagte der Weise. Also machte der Gastwirt einen Versuch und Folgendes geschah: Jeder Reisende, der an dem Gasthaus vorbeikam, ging hinein, um auf den Fehler aufmerksam zu machen, jeder in dem Glauben, außer ihm habe noch keiner diesen Fehler bemerkt. Und wenn sie erst einmal in der Gaststube waren, waren sie beeindruckt von der freundlichen Bedienung und blieben da und bestellten. Das war die Chance, auf die der Wirt lange gewartet hatte. Und die Moral von der Geschicht´ ist: Nichts entzückt das eigene Ich mehr, als die Fehler anderer korrigieren zu können.

Weise ist in der Tat ein Mensch, der die Schwächen der Menschen kennt, aber dann nicht draufhaut, bloßstellt und mit dem Finger draufzeigt, sondern liebevoll kleine Umwege kennt, um zu seinem Ziel zu gelangen. Auf diese Entzückung des eigenen Ich ist Jesus immer sehr verständnisvoll eingegangen.

Mir fällt da jene biblische Begebenheit ein, als die Jünger Jesu um den ersten Platz rangelten. Und es heißt wörtlich: Jesus wusste, was in ihren Herzen vorging. Deshalb nahm er ein Kind, stellte es neben sich und sagte: Wer dieses Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer unter euch der Kleinste ist, der ist groß. (Lk.9,46 ff)                                                                  

Rainer Korten
Kath. Pfarrer in Antalya