Be-denkens-wert vom 30.04.2007

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, sagen wir. Daran ist sicherlich viel Wahres, in der Theorie. Dennoch wird heute immer mehr geredet, 24 Stunden rund um den Tag auf unzählig vielen Rundfunk- und Fernsehkanälen und der Einzelne scheint sich von dieser mengenmäßigen Rederei anstecken zu lassen ohne auf die Qualität seiner Rede zu achten. Alle fühlen sich heute als Experten, wissen fast alles und meinen überall ihren Kommentar abgeben zu müssen. Es stellt sich schon die Frage: Was ist das Wort noch wert, auf welches Wort ist Verlass, welches Wort ist heilsam und erhellend, anstatt vernebelnd und kraftlos?

Die Schüler waren in einer Diskussion über den Ausspruch Lao-Tses vertieft: Der Wissende redet nicht, der Redende weiß nicht. Als der Meister dazukam, fragten sie ihn, was die Worte genau bedeuteten. Sagte der Meister: Wer von euch kennt den Duft einer Rose? Alle kannten ihn. Dann sagte er: Kleidet ihn in Worte! Alle schwiegen.

So ähnlich geht es Christen, wenn sie über Ostern, die Auferstehung Jesu sprechen; Und das tun sie besonders in den 50 Tagen zwischen Ostern und Pfingsten. Sie sind weniger Wissende, dafür aber Leute, die eine Gewissheit in ihrer Seele tragen. Sie wissen nichts über die Umstände der Auferstehung Jesu, sie sind angewiesen auf die Berichte, die die Hl. Schrift erzählt und dennoch muss es so etwas gegeben haben wie einen nicht beschreibbare Duft nach Leben. Das genügte den Schreibern der Evangelien, so dass sie sich mit den knappsten Sätzen ohne Sensationsgier über das Faktum der Auferweckung Jesu zufrieden gaben, da sie offenbar spürten, dass vor der Unglaublichkeit des Geschehenen Schweigen angebrachter war, weil es eben nicht auf das Wissen ankommt, das zum belanglosen Reden verführen könnte, sondern auf den Duft von neuem Leben, der in den Seelen heilend, verlässlich und hoffnungsvoll wirkt. Ostern eignet sich weder zum hochintellektuellen Diskutieren noch zum belanglosen Schwadronieren. Ostern ist einer Rose vergleichbar, die wir zwar kennen, deren Duft zu beschreiben unsere Sprache nicht ausreicht. Deshalb tut jeder gut, eine Rose ohne große Worte zu überreichen, damit die Beschenkte die Kraft des Duftes und die Sprache der Symbolik aufnehmen kann. Ostern entfaltet erst dann seine ganze Kraft in unseren Seele und stillt erst dann unseren Hunger nach Leben, wenn wir vor der Unglaublichkeit dessen, was Gott an Jesus Christus für uns getan hat, staunend schweigen, damit das Geschehene zu uns redet. Unsere aufgescheuchten Seelen werden ruhig, wir beginnen von letzten Verlässlichkeiten zu leben und hadern nicht mit jedem Tag, den wir gelebt haben, weil es einer weniger ist.

Es bleibt für mich die Frage, ob wir vielleicht deshalb heute so viel äußerlich reden und so viele Experten haben, weil wir damit unser Unvermögen übertünchen wollen, unser Leben aus der Sicht von Ostern wahrzunehmen.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya