Be-denkens-wert vom 08.07.2007

Eine besondere Krönung für einen Autor ist es, wenn sein Buch auf der Bestsellerliste steht. Darin mag dann viel Bedeutsames und Aufklärendes stehen, aber oftmals löst dann ein Autor den anderen schnell an der Spitze ab und nach wenigen Monaten schon kann man den Buchtitel auf dem Ramschtisch im Buchladen in Kleinbuchformat finden.

Für mich gehört ein Buch dauernd auf die Bestsellerliste, denn es ist eine Fundgrube für die alltäglichen Lebensangelegenheiten und deshalb für jeden hilfreich.

Anthony de Mello (1931-1987), ein indischer Philosoph, Theologe und Psychologe hat das große Verdienst, dass er in einem Buch den Schatz der Menschheit in den verschiedensten Kulturen zusammenfasst, indem er deren Geschichten, Weisheiten und Erfahrungen zusammengetragen hat. Eine ganz simple, doch bedenkenswerte Geschichte möchte ich aus seinem Buch zitieren: „Als ein Meister ein Schuljunge war, quälte ihn dauernd ein Klassenkamerad. Älter geworden und reumütig besuchte dieser das Kloster und wurde mit offenen Armen empfangen. Eines Tages kam er auf das Thema seiner Quälsucht zu sprechen, doch der Meister schien nichts mehr davon zu wissen. Sagte der Besucher: „Erinnerst du dich nicht?“ Sagte der Meister: „Ich erinnere mich genau, dass ich es vergessen habe.“ Und beide schüttelten sich vor Lachen.

Ich erinnere mich genau, dass ich es vergessen habe! Wie anders würde unser Leben aussehen, wenn wir von dieser Fähigkeit wenigstens Einiges besäßen? Stattdessen sind wir Meister im Nachtragen, Aufrechnen, die Abneigung spüren lassen und schaffen ein Klima, in dem alles Menschliche mehr und mehr abstirbt. Und wenn wir dann immer noch nicht innerlich befriedigt sind, zimmern wir uns eine Ideologie zusammen, die uns bestärkt, im Recht zu sein. So kann unser Inneres eben keinen Frieden finden, der auch zur Zu-friedenheit führen könnte. Sich erinnern und trotzdem vergessen, ist eine Fähigkeit, die den Menschen zum Menschen macht. Das wissen Christen auch in Zusammenhang zu bringen mit dem, was Christus uns über seinen Vater offenbarte: Wir kennen einen Gott, um es sprachlich menschlich zu sagen, der sich genau an unser mangelhaftes Tun erinnert, aber sich auch erinnert, dass er es vergessen hat. Dieses Wissen aus dem Glauben erleichtert uns Menschen erheblich die innere Kraftaufwendung, sich im Zusammenleben mit den Menschen wohl an alles erinnern zu dürfen, vornehmlich aber sich zu erinnern, dass man vergessen hat.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya