Be-denkens-wert vom 16.08.2007

Menschen sind sehr unterschiedlich. Es gibt die sog. „sonnigen Gemüter“, die eigentlich immer Freude und Lebensmut ausstrahlen und in ihrer Umgebung sehr geschätzt und beliebt sind und es gibt jenes große Heer der Unzufriedenen, die bei fast allem - und sei es noch so schön und positiv - zielsicher das „ Haar in der Suppe“ finden und den anderen schnell alle Freuden vergraulen können. Manche von diesen in der ersten Stufe Unzufriedenen werden schnell in der 2. Phase ungerecht und bitter gegen alle, auch gegen die, welche ihnen mit guter Absicht begegnen. Das wiederum lässt vereinsamen, denn mit Dauermeckerern möchte man nicht viel zu tun haben. Und so schließt sich der Kreis von Ursache und Wirkung. Menschen mit einem „sonnigen Gemüt“ sind ein Glück für ihre Umgebung und am meisten für sich selbst. Aber sage keiner, dass man als „sonniges Gemüt“ oder als Unzufriedener geboren wird, manche möchten auch das noch am liebsten den Genen zuschanzen, um aus eigener Verantwortung entlassen zu sein. Wo könnte ein Grund liegen, sich so oder so zu entwickeln?

Bei einem Mitmenschen habe ich kürzlich folgendes beobachten können. Ein älterer Herr war immer missmutiger geworden, er hatte früher einmal viel Verantwortung im Beruf, war angesehen, wusste seine Autorität zu nutzen, aber er wurde auch immer ichbezogener, seine „kleine Welt“ war sein Ein und Alles, er wurde überempfindlich und ungerecht und erwartete immer mehr als andere ihm noch geben konnten. Aus dem anerkannten Mensch wurde mehr und mehr ein Griesgram, der an allem etwas auszusetzen hatte, vor allen Dingen an anderen Menschen. Bis ihm auf einmal eine Dame begegnete, die aus einfachen Verhältnissen kommend sich im Leben auch ohne Weltreisen einen weiten Horizont erarbeitet hatte, weil sie so ziemlich alles spannend, lehrreich, interessant und erforschenswert hielt.

Ihr inneres Gleichgewicht hing offensichtlich nicht von dem ab, was sie von anderen forderte und erwartete, sondern sie kannte andere Quellen, die sie zu einem „sonnigen Gemüt“ wachsen ließen. Eine ihrer wesentlichen Quellen war, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Sie konnte gut Menschen neben sich dulden, konnte Menschen loben, konnte Menschen ermuntern, war immer bemüht, dazuzulernen und konnte sich an vielen Dingen ganz in ihrer Nähe fast kindlich freuen. Man hatte das Gefühl, dass sie fest aus einem Vertrauen und einem Gefühl der Geborgenheit lebte, und so schon frei genug geworden war, um nicht aus dem inneren Gleichgewicht zu geraten, wenn die anderen ihre Erwartungen nicht erfüllten. Wie ansteckend diese innere Freiheit ist, erlebte ich Schritt für Schritt bei jenem älteren Herrn, der das Glück hatten, einen Menschen zu finden, der ihn aus der engen Berufs - und Alltagswelt, die einmal für ihn angeblich alles war, herausführte und von der Krankheit der Dauernörgelei durch Selbstüberschätzung heilte.

Nicht etwa, weil es ein Pfarrer am Schluss noch sagen muss, sondern weil es die schlichte Tatsache ist: Weil Gott den Menschen schätzt, braucht er sich nicht selbst zu über-schätzen, Ursache vieler Krankheiten.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya