Be-denkens-wert vom 11.09.2007

Manchmal frage ich mich, warum unsere Zeit nicht mehr so grandiose Schauspieler wie Heinz Rühmann (1902-1994), Heinz Erhardt (1909-1979) u.a. hervorbringt, und warum es Filmproduzenten nicht mehr gelingt, Filme zu machen, die zwar keine heile Welt, aber auch nicht ständig eine morbide Welt vorführen. Filme, die wirklich entspannend anzuschauen sind und oftmals noch mit einem guten Schuss Nachdenklichkeit und Lebensweisheit enden.

Erst kürzlich sah ich erneut mit Vergnügen eine Wiederholung der köstlichen Detektivgeschichten um Pater Brown mit Heinz Rühmann. Der Autor ist ja jener englische Humorist Keith Chesterton, (1874-1936) von dem berichtet wird, dass er einmal gefragt wurde, was er zu sagen hätte, wenn er einmal in seinem Leben eine einzige Predigt auf der Kanzel zu halten hätte. Seine Antwort war: Wenn ich nur eine einzige Predigt zu halten hätte, müsste es eine Predigt gegen den Stolz sein. Er zieht dann so gegen den Stolz zu Felde, dass er sein Kapitel schließt: Wenn ich nur eine Predigt zu halten hätte, dann wäre ich sicher, dass man mich nicht bitten würde, eine zweite zu halten.

Warum so radikal? Stolz und Stolz sind zweierlei. Wenn eine Hausfrau für ihr gelungenes Abendessen von den Gästen ehrlich gelobt wird, darf sie stolz sein und wenn ein Vater sieht, wie seine Kinder sich aufrichtig entwickeln, darf er ebenso stolz sein, es sei denn, Abendessen oder die Kinder werden zu unübertrefflichen Exemplaren ihrer Gattung erklärt.

Aber es gibt auch noch eine andere Form von Stolz, die wir in unserer Sprache besser mit Hochmut beschreiben Der Hochmütige ist nicht etwa auf etwas stolz, sondern so sehr und ausschließlich auf sich selbst, dass er sich zum Maß aller Dinge macht. Er richtet sich nicht nach anderen Menschen und auch nicht nach der Wahrheit, alles soll sich nach ihm richten. Der Hochmütige gleicht einem Sänger, der seine Misstöne für richtig erklärt und sagt: Die Noten sind falsch. Von solch einem Menschen sagen wir unwillkürlich: Der denkt wohl, er ist der liebe Gott.

Auf diesem Hintergrund des Denkens kann man verstehen, warum Chesterton gern eine Predigt gegen den Stolz gehalten hätte und warum er eine so menschliche Gestalt wie jenen Pater Brown in dem Film schaffen konnte. Er wusste, dass Gott selbst sich ganz anders als hochmütig zeigte, in seinem Sohn Jesus Christus nahm er Knechtsgestalt an und beugte sich unter die Gewalt der Stolzen. Das ist der Weg, der die Welt menschlicher macht. Wir dürfen durchaus auf viele Dinge, die wir hinbekommen, stolz sein, aber wir dürfen nicht hochmütig werden. Der Hochmut sperrt den Menschen in sich selbst ein, eine Form der selbstgewählten Verlassenheit, die heute viele Zeitgenossen trotz oder gerade wegen ihrer krampfhaften Suche nach Publizität, öffentlicher Zurschaustellung und angeblicher Modernität krank macht. Bei allen verständlichen Formen der Selbstbehauptung müssen wir Obacht geben, dass berechtigter Stolz nicht in krankmachenden Hochmut übergeht.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya