Be-denkens-wert vom 30.09.2007

„Der Fluch der Belesenheit“, so ist folgende Geschichte überschrieben: Der junge Schüler war ein solches Wunderkind, dass Gelehrte von überall her seinen Rat suchten und sein Wissen bestaunten. Als der Gouverneur einen Ratgeber suchte, kam er zu dem Meister und sagte: „Sag mir, stimmt es, dass der junge Mann so viel weiß, wie allgemein behauptet wird?“ „Ehrlich gesagt“, erwiderte der Meister trocken, „der Bursche liest so viel, dass ich mir nicht vorstellen kann, woher er die Zeit nimmt, irgendetwas zu wissen.“

Wenn es danach ginge, was wir heute alles zu lesen bekommen mittels der verschiedenen Medien, müssten wir eigentlich vor Wissen fast platzen. Das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein, so jedenfalls bestätigen den subjektiven Eindruck auch alle Umfrageergebnisse. Es ist nur noch ein oberflächliches, momenthaftes, kurzlebiges Wissen, das nicht in der Lage ist, die Grundlage zu sein, vom Wissen zur Weisheit oder zu Lebensgewissheiten zu finden. Es scheint ein Zusammenhang zu bestehen zwischen der geist-losen Anhäufung von Sachwissen um jeden Preis und der zunehmenden Unfähigkeit, aus festen Gewissheiten und zeitlosen Weisheiten zu leben. Wann immer eine Studie dem deutschen Bildungssystem seine mangelhafte Qualität bescheinigt, kommen die Dreimalklugen reflexhaft mit der Forderung, es müssen mehr Geld in das System gepumpt werden.

Der viel effektivere Weg wäre die Weisheit der Alten neu zu bedenken, dass man für das Leben lernt. Wann immer ich Interviews am Fernsehen höre, höre ich stereotyp: Mit dieser oder jenen Ausbildung bekommst du entweder einen guten Beruf, oder eben einen nicht guten und davon hängt dann natürlich wieder der Verdienst ab und davon wiederum angeblich die Lebensqualität. Solange Wissen derart funktionalisiert wird, kann das Übergehen vom Wissen zur Weisheit und zu Grundgewissheit im Leben nicht gelingen. Zurück bleiben innere Leere, Orientierungslosigkeit und seelische Müdigkeit. Da hilft alles Wissen nichts. Insofern ist die Überschrift jener erwähnten Geschichte gar nicht so falsch: „Der Fluch der Belesenheit.“

Gottlob ist es so, dass jeder von uns über verschiedene Kapazitäten von Wissen verfügt, und noch mehr hinzuzufügen im Leben ist durchaus lohnenswert, das aber heißt lange noch nicht, in der Lage zu sein, aus den einzelnen Mosaiksteinen des Wissens ein ganzes Mosaik zusammensetzen können, das weise und den Menschen zum Menschen macht. Kluge Leute gab es wohl entsprechend der Zeit immer genügend, weise Menschen wohl weniger, denn die Israeliten haben eigens ein Buch in ihre Heilige Schriften aufgenommen, das Buch der Weisheit. Seine Aktualität hat bis heute überhaupt nicht gelitten, eben weil es nicht alt werdendes Wissen sammelte, sondern zeitlose Weisheiten.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya