Be-denkens-wert vom 21.11.2007

Von allen Bohnensorten ist mir die Kaffeebohne eigentlich die liebste. Was den Türken der Tee ist, ist den Deutschen ihr Kaffee. Mit Freude beobachte ich, wenn die meist jungen Burschen mit ihren Teetabletts durch die Straßen laufen und in der nächsten Ansammlung von redenden und diskutierenden Menschen ihren Cay absetzen. Der Tee und der Kaffee sind schon köstliche Getränke, aber eben nicht nur um den Durst zu stillen. Den vollen Genuss entfalten Tee und Kaffee wohl erst in jener Geselligkeit, die der Tee oder Kaffee selbst hervorgebracht haben: im Kaffeeklatsch, bzw. Teeklatsch.

Ich vermute, auch dieser Genuss verbindet Türken und Deutsche auf wundersame Weise. Nichts gegen das behagliche Plaudern, erst vom Wetter über die Mode zum Nächsten. Wir leben dauernd mit Menschen zusammen, nichts ist natürlicher, als dass wir auch von ihnen reden. Nichts gegen den Kaffeeklatsch, aber es kommt auf das „Wie“ an.

Die Bibel sagt den Satz: Die Zunge kann kein Mensch bändigen - , nur wenn das so ist, und unsere Erfahrungen sprechen nicht dagegen, könnten wir doch versuchen, sie in eine andere Richtung galoppieren zu lassen. Ich möchte Ihnen ein neues Gesellschaftsspiel vorschlagen: Sieger ist der, der an einem Mitmenschen das meiste Gute entdeckt, oder wer für dessen offensichtliche Fehler und Schwächen die wohlwollenste Erklärung findet.

Wenn wir dieses Spiel einmal beginnen, werden wir wahre Schatzgräber sein. Wir werden Entdeckungen machen, die wir für unmöglich hielten: Verborgene Taten und Denkweisen, an denen wir uns freuen, Schicksale und Leiden, die uns manches begreifen lassen und unser vorschnelles Urteil verstummen lassen. Die Siouxindianer haben folgendes Gebet: Großer Geist, hilf mir, dass ich kein Urteil über den Nächsten fälle, ehe ich nicht zwei Wochen in seinen Mokassins gegangen bin.

Zwei Wochen in den Schuhen des anderen gehen, zwei Wochen lang sich ihm anpassen, sich in ihn hineindenken – und dann erst ein Urteil fällen. Dann würden wir ähnlich handeln wie unser Gott, der sein endgültiges Urteil über uns lange aufschiebt und der sich in unser Leben nicht nur hineingedacht hat, sondern selbst Mensch wurde, um sein Urteil nicht aus göttlichem Wissen, sondern aus menschlicher Erfahrung fällen zu können.

Ich werbe für den Tee- bzw. Kaffeeklatsch, aber für den wohlwollenden. Dann schmecken Tee und Kaffee in Gemeinschaft noch einmal so gut und entfalten ihren vollen Geschmack.

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya