Be-denkens-wert vom 22.12.2007

Weihnachtspredigt von Prälat Rainer Korten

Verehrte Gäste, liebe Mitchristen

Es war am letzten Mittwoch; ich hatte eine Frau im hiesigen Gefängnis zu besuchen, das neue Gefängnis liegt weit draußen. Ich hatte den Gefängnishof verlassen und wollte gerade Gas geben, sofern das bei den Schotterwegen geht, da winkte am Straßenrand ein Paar; ich sah, sie war schwanger. Und da meine türkischsprechende Haushälterin dabei war, hielten wir an und fragten, was sie wollten. Sie wollten gern nach Antalya zum Busbahnhof mitgenommen werden, denn sie waren auf Herbergssuche. Sie erzählten, sie hätte sich im Wald illegal ein kleines Häuschen gebaut, dafür musste die Frau 1 Monat als Strafe sitzen-sie war gerade entlassen worden und ihr Mann hatte sie abgeholt.-warum die Frau sitzen musste und nicht der Mann, weiß ich nicht. Jetzt jedenfalls hofften sie bei Verwandten Unterkunft zu finden. Ich war unterwegs zu meinem Bethlehem 2007. Und auch Sie, liebe Mitchristen haben die Chance, in Bethlehem anzukommen, denn hier in Antalya erinnert heute nichts an Weihnachten, es ist normaler Werktag, alles aus Deutschland bekannte emotional-weihnachtliche, der ganze Glitzerkram und all das künstliche Einwickelpapier fällt weg: Jesu Christus kann ankommen, denn das ist dann Weihnachten, alles andere ist nicht mehr als weihnachtliche Karikatur.

Ankommen! Wir sagen im übertragenen Sinn: Die Ansprache ist gut angekommen und meinen damit, sie hat die Herzen der Menschen erreicht, oder auch den Verstand angeregt - zum Weiterdenken. Man sagt auch: Jetzt ist jemand eigentlich erst angekommen, und meint: Jetzt erst hat jemand etwas traumatisches verarbeitet und ist in der Realität wieder angekommen. Ankommen meint mehr als äußerlich ankommen- es gibt auch ein innerliches ankommen.

Jesus Christus ist in unserer Welt angekommen. Das bedeutet, die Botschaft, die er von seinem Vater brachte, wer und was wir Menschen sind, wozu uns Gott berufen hat, welchen Sinn unser Dasein hat und wie wir unser Leben einmal vollenden, mit dieser Botschaft, die in ihm Fleisch geworden ist, ist er buchstäblich bei den Menschen angekommen. Es hat sich innerlich etwas bewegt, vom ersten Weihnachtsfest an: Zuerst bei Maria, der Mutter, dann bei den Hirten, es begann sich eine Welle auszubreiten, so, als wenn man einen Stein ins Wasser wirft, der Kreise zieht. Eine solche frohmachende Perspektive für den Menschen war bis dahin auch unbekannt. Die Kirche formuliert es in den liturgischen Texte heute so: „Gott, dein göttliches Wort wurde ein sterblicher Mensch, damit wir sterblichen Mensch dein göttliches Leben empfangen.“

Meine lieben Mitchristen, in wessen Leben dieses göttliche Wort angekommen ist, in dessen Leben kann der Mensch bei sich selbst ankommen. Wie schwer gelingt es dem modernen Mensch bei aller Rumreiserei den längsten Weg- nämlich bei sich selbst anzukommen, zu erfahren. Innere Unruhe, permanente Hektik, krankhafte Suche nach ständig Neuem, pathologische Rumnörgelei, ständige Unzufriedenheit, immer den Splitter im Auge des Nächsten sehen, aber den Balken bei sich selbst nicht, sich ständig für unschuldig halten, keine Orientierung am Normalen und Natürlichen, immer mehr haben und immer weniger sein können, Fragen nach Sinn und Wert nicht mehr zu stellen- jene egal-Mentalität, das alles sind Erscheinungsformen bei Menschen, die nie bei sich selbst angekommen sind. Und sie sind nicht bei sich angekommen, weil sie nicht zugelassen haben, dass zuvor Gott bei ihnen ankommt. Wo Gott nicht ankommt, kann der Mensch auch nicht bei sich selbst ankommen. Das ist die Botschaft von Bethlehem, die die Menschen glücklich und froh gemacht hat. Hoffentlich wissen das Menschen, wenn sie heute den Anderen wünschen: Fröhliche Weihnachten, damit das Fröhliche keine leere Hülse ist, sondern etwas vom eigenen Befinden ausdrückt. Ich wünsche dem Anderen Fröhlichkeit, weil ich selbst innerlich tief froh bin, dass Gott bei mir angekommen ist, damit ich nicht in Dunkelheit und Nebel in meinem Leben herumstochern muss, sondern bei mir selbst ankomme- und so den unermesslichen Wert meines Menschseins erfahre, der mir hinreichend Kraft gibt, in Würde und Vertrauen durch Höhen und Tiefen meines Lebens im Alltag zufrieden- mit mir selbst in Frieden- zu leben und nicht Krieg gegen mich selbst zu führen.

Weihnachten ist kein nostalgisches Zurückdenken an frühere Zeiten, sondern eine Kraft zum Leben heute, weil Gott in mir ankommen will, damit ich bei mir selbst ankommen kann, tiefste Sehnsucht, die wir in unserem Herzen tragen: Bei uns selbst anzukommen!

Dann fügt sich das Leben einmal als Ganzes zusammen.

Amen

Rainer Korten
Pfarrer in Antalya